15.11.2017

Stadtteil-Porträt (4) RP Und Stadtwerke Unterwegs In . . . Immigrath: Ein Stadtteil im Umbruch

Langenfeld. Langenfelds größter Stadtteil, eigentlich ständig im Wandel, verändert sich derzeit besonders. Ein Spaziergang mit zwei alten Immigrathern. Von Sabine Schmitt und Thomas Gutmann

Foto: Ralph Matzerath

Immigrath Es gibt sie immer wieder. Diese Momente, in denen Rosemarie Ulrich ihren alten Bekannten Lothar Witzleb in den Arm knufft. Sie ist 70, er wird bald 80. Beide sind alte Immigrather, spazieren durch Langenfelds bevölkerungsreichsten Ortsteil. Rund 17.000 Menschen leben hier, im ehemaligen industriellen Herzen der Stadt. Das ist mehr als jeder vierte der etwa 60.000 Langenfelder. Im Osten und Süden durch Autobahnen begrenzt (A 3 / A 542), ist die Grenze in Nord und West nicht ganz so klar. Hier schließt Immigrath Langfort mit ein und die nördliche Stadtmitte mit Marktplatz und St. Josef. Nach Richrath "hinüber" geht's etwa auf Höhe Paulstraße und - östlich der Bahngleise - am Winkelsweg.

Rosemarie wohnte schon immer hier, Lothar - unüberhörbar in Sachen aufgewachsen - seit 1956. "Weißt Du noch?", fragt sie und bleibt stehen? Er weiß es noch. Zum Beispiel, dass da zwei Bauernhöfe waren nahe dem Immigrather Platz. Dass auf dem Grundstück der Polizei an der Solinger Straße mal eine Volksschule war. Dass auf Höhe der Solinger 119 - etwa in Höhe Bogenstraße - eine Mühle stand, bei Nummer 145 in den 50ern eine Fahrradwerkstatt war, bei 172 die Post . . .

Immigrath einst und jetzt, irgendwo ist immer Wandel. Alte Häuser werden abgerissen, neue gebaut; freie Flächen verschwinden, neue Viertel entstehen. Etwa das zwischen Nelly-Sachs-Straße und Bahnstrecke. 16 Einzelhäuser, 48 Doppelhaushälften und 12 Reihenhäuser mit Gärten wurden hier in den vergangenen Jahren gebaut. "Es ist noch nicht so lange her, da waren hier nur Felder", sagt Rosemarie Ulrich. Jetzt leben hier überwiegend junge Familien - darunter viele Neu-Immigrather.

 

Was macht Immigrath lebenswert? "Man ist nah dran am Zentrum, und trotzdem ist es an vielen Stellen ruhig. Man braucht kein Auto, erreicht alles gut zu Fuß oder mit dem Rad", sagt Rosemarie. Es ist aber auch die Gemeinschaft, die Lothar Witzleb und andere alte Immigrather schätzen. Man kennt sich, man trifft sich. Zum Beispiel im Siegfried-Dißmann-Haus, der Seniorenbegegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt. In dem Fachwerkhaus an der Solinger Straße 103 sitzt Witzleb jede Woche mit seiner Männerrunde zusammen. Dort gibt es Kaffee, Kuchen, Frühstück, Schlagerpartys, Vorträge, Fotosafaris, Beratungsangebote. Besonders ist auch das Haus selbst. Was so mancher Immigrather vielleicht nicht weiß: Das weiße Haus mit den alten Balken steht noch nicht so lange hier, wie man vermuten könnte. "Es wurde erst 1984 erbaut", verrät Witzleb. Nur die Balken seien viel älter. Sie gehörten zu einem Haus, das früher an der Rheindorfer Straße stand, dort, wo heute der Einkaufsmarkt Real ist, erzählt der frühere SPD-Ratsherr und Vize-Bürgermeister.

Es gibt in Immigrath aber auch noch echte alte Häuser. Den früheren Bahnhof etwa. Während die Richrather kein solches Gebäude mehr haben - es wurde nach Schließung 1961 wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit abgerissen -, behielten die Immigrather ihr Bahnhofsgebäude. Zwar wurde der Personenverkehr auf der jetzigen Güterzugstrecke 1982 eingestellt, doch der schieferverkleidete Gründerzeitbau blieb und wurde zur Gaststätte.

Während dahinter die Güterzüge rollen, blickt Lothar Witzleb auf die Häuser auf der anderen Straßenseite. Häuser, die an eine gute alte Zeit erinnern, in denen sicher mal wohlhabende Familien wohnten. "Typisch für Bahnhofsgegenden", sagt der 79-Jährige. Er mag diese Häuser.

Ein paar hundert Meter weiter, am Immigrather Platz, steht dann eine Art Plattenbau. Schmucklos. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Doch auch dieser Plattenbau hat seine Geschichte. Hier war mal die Bar Pigalle, die Rotlicht-Szene zu Hause. In den 1960er und 70er Jahren gehörte die Immigrather Pigalle zu den berühmtesten Etablissements der Republik. "Viele von weither mögen Langenfeld nicht gekannt haben, aber die Pigalle, die kannten sie", sagt Witzleb.

Unweit des Nachtclubs ereignete sich in den 60ern ein schlimmer Unfall. Am damaligen Bahnübergang gab es mehrere Tote. "Es gab eine Schranke, aber die war nicht unten, obwohl der Zug schon kam, ein Fehler", erinnert sich Witzleb. Das Unglück und der Stau, den es hier wegen des vielen Güterverkehrs immer gab, seien die Gründe, warum Ende der 1980er Jahre die Unterführung zur Hardt hin gebaut wurde.

Verkehr war immer schon ein Thema in Immigrath. Über die Solinger Straße rollen mittlerweile im Tagesdurchschnitt 20. 000 Autos. Auf 800 Meter Länge wird die Hauptschlagader jetzt umgebaut, unter laufendem Verkehr, also ohne Sperrung von Fahrstreifen. Im September 2018 soll alles fertig sein. Dann gibt es keine hohen Bürgersteige mehr. Der zurzeit teils schmale Gehweg soll auf der ebenerdigen Verkehrsfläche im Schnitt zwei bis zweieinhalb Meter breit sein. Auf der Straße werden Schutzstreifen für Radfahrer angelegt, so dass künftig nur noch Kinder bis zehn auf der Fußgängerfläche radeln dürfen. Außerdem soll es dann mehr Grün geben auf diesem doch sehr trist wirkenden Abschnitt.

Rosemarie Ulrich und Lothar Witzleb freuen sich auf das, was die Stadt hier vorhat. Danach soll auch der Immigrather Platz verschönert werden. Vielleicht werden beide in ein paar Jahren wieder hier entlangschlendern und sagen: "Weißt Du noch, wie das hier früher war?"

Quelle: RP